Organizational Reality #04

Die Mechanik des Marktes

Es gibt eine Lage, die ich in meiner Arbeit immer wieder antreffe. Ein Thema steht seit Jahren auf der Agenda der Geschäftsführung: eine Funktion, die nicht liefert, Schlüsselrollen, die sich nicht dauerhaft besetzen lassen, ein Umbau, der im Alltag nie ankommt. Investiert wurde bereits, meist mehrfach. Es gab eine Beratung, später eine zweite, dazwischen mehrere Besetzungen über Dritte. Die Konzepte sind sorgfältig dokumentiert, die Ergebnisse undurchsichtig und das Problem ist geblieben.

Für die Unternehmensleitung ist das doppelt unbequem. Die Budgets sind ausgegeben, die Geduld der Gesellschafter ist endlich, und jeder neue Anlauf muss im eigenen Haus erst wieder verkauft werden, an Mitarbeitende, die schon mehrere Neuanfänge erlebt haben.

Wenn ich hinzukomme, ist das deshalb selten der Anfang einer Geschichte. Meist ist es ein späteres Kapitel. Eines, das es bei näherem Hinsehen gar nicht hätte geben müssen.

Ich kenne diese Lage aus beiden Perspektiven: früher auf Unternehmensseite, in der Verantwortung für das Ergebnis, heute von außen. Und in beiden Rollen bleibt eine Frage auffallend oft ungestellt: Warum wurde so viel getan und so wenig gelöst?

Das Muster

Der Markt rund um HR, Talent und Organisationsentwicklung ist groß, professionell und voller fähiger Menschen. Und doch bringt er erstaunlich selten hervor, was er verspricht: Organisationen, die verlässlich leisten.

Das liegt weniger an den Beteiligten als an der Mechanik. Ein großer Teil dieses Marktes verdient an Sichtbarkeit, an Bewegung und an Wiederholung. An Stabilität verdient er wenig.

Damit es fair bleibt: Auch die klassische Beratung ist Teil dieses Marktes, meine bzw. die von NEXSUS eingeschlossen. Was folgt, ist deshalb keine Abrechnung mit anderen. Es ist eine Beschreibung der Kräfte, gegen die jeder arbeiten muss, der es ernst meint.

Drei Kräfte

Sichtbarkeit vor Substanz

Auf LinkedIn und in den sozialen Medien wird belohnt, was gesehen wird: Beiträge, Auszeichnungen, Arbeitgeberkampagnen, persönliche Marken. Verwerflich ist das nicht, aber es verschiebt die Aufmerksamkeit. Immer mehr Zeit fließt in das Bild einer Organisation, immer weniger in ihre Funktionsweise.

Die Folgen zeigen sich spät. Entscheidungen beruhen zunehmend auf Wahrnehmung: Wer sichtbar ist, gilt als kompetent, was modern wirkt, gilt als richtig. Organisationen erscheinen engagiert und zeitgemäß und bleiben im Inneren, wie sie waren. Es gibt Arbeitgeber mit preisgekrönter Karriereseite, deren Einarbeitung aus einem Laptop und einer Passwortliste besteht.

Bewegung vor Stabilität

Ein Teil der Personaldienstleistung verdient an jeder Besetzung, also am Wechsel. Das ist ein legitimes Geschäftsmodell, aber es trägt eine Spannung in sich: Stabilität beim Kunden bedeutet weniger Umsatz beim Dienstleister.

Viele Stellen, die über Dritte besetzt werden, könnten Unternehmen selbst besetzen, wenn Rollen klar zugeschnitten, Auswahlverfahren belastbar und Zuständigkeiten geklärt wären. Genau das fehlt häufig. Also wird Geschwindigkeit eingekauft, während die Gründe unberührt bleiben, aus denen Rollen scheitern. Die nächste Besetzung ist dann oft schon die nächste Nachbesetzung.

So wird Dysfunktion nicht gelöst. Sie wird zum Dauerauftrag.

Vorlage vor Passgenauigkeit

Beratung und Transformation arbeiten gern mit Benchmarks, Best Practices und Frameworks. Sie geben Orientierung und lassen sich gut verkaufen, weil sie Sicherheit versprechen: Was anderswo funktioniert hat, wird auch hier funktionieren.

Organisationen sind aber keine Durchschnittswerte. Ein Modell, das die Rollen, Abläufe und Entscheidungswege eines bestimmten Unternehmens nicht kennt, überzeugt auf dem Papier und hält im Alltag selten bis gar nicht. Läuft es gut, gleicht sich die Organisation ihrem Vergleichsmaßstab an und wird so durchschnittlich wie er. Läuft es schlecht, bricht das Vorhaben an Strukturen, die nie für diese Last gedacht waren.

Dann kommt der nächste Anbieter. Und mit ihm das nächste Konzept.

Woran Sie es erkennen

  • Dieselbe Stelle wurde in wenigen Jahren mehrfach besetzt, jedes Mal extern.
  • Die Arbeitgebermarke entwickelt sich schneller weiter als die Einarbeitung.
  • Das letzte Beratungsprojekt endete mit einem Abschlussbericht, nicht mit einer veränderten Arbeitsweise.
  • Auf die Frage, warum ein Vorhaben gescheitert ist, lautet die Antwort: „falscher Partner“.
  • Branchenvergleiche werden öfter zitiert als die eigenen Zahlen.

Warum sich so wenig ändert

Die Wenigsten in dieser Mechanik handeln böswillig. Alle handeln vernünftig im Rahmen ihrer Anreize. Der Personaldienstleister wird für Besetzungen bezahlt, die Beratung für Konzepte, die Kommunikation für Reichweite.

Auch auf Kundenseite ist das Verhalten folgerichtig. Wer einen Anbieter beauftragt, hat gehandelt. Scheitert es, liegt der Fehler beim Anbieter. Struktur dagegen ist unspektakulär, schwer vorzeigbar und verlangt, dass jemand im eigenen Haus Verantwortung übernimmt.

So entsteht ein erstaunlich stabiles Gleichgewicht: Der Markt gleicht aus, wo eigentlich gebaut werden müsste, und lebt sehr gut davon.

Was es kostet

Die bekannten Befunde überraschen vor diesem Hintergrund nicht: Digitalisierungsprojekte, die enttäuschen, Transformationen, die ihre Ziele verfehlen, Engagement-Werte, die seit Jahren niedrig bleiben. Sie sind die folgerichtige Konsequenz eines Systems, das Bewegung belohnt und Tragfähigkeit eher selten.

Dazu kommen Kosten, die in keiner Bilanz auftauchen. Teams, die den zweiten Neuanfang erleben, gehen den dritten nicht mehr mit.

Was hilft

Auf externe Unterstützung zu verzichten, wäre die falsche Konsequenz. Entscheidend ist, was man einkauft. Vor jeder Beauftragung lohnen sich drei Fragen. 

  1. Woran erkennen wir in zwölf Monaten, ob es gewirkt hat, gemessen an Ergebnissen und nicht an Lieferungen? 
  2. Was können wir danach selbst, was wir vorher nicht konnten? 
  3. Verdient der Anbieter daran, dass das Problem verschwindet, oder daran, dass es bleibt?

An diesen Fragen muss sich jede Beratung messen lassen, NEXSUS eingeschlossen.

Eine Frage für Ihr nächstes Führungsmeeting

Für welches Problem haben wir in den letzten Jahren mehrfach ohne wirkliche Lösung investiert?

NEXSUS® Discovery beginnt genau dort: bei dem, was in Ihrer Organisation schon mehrfach eingekauft wurde und gescheitert ist, und bei der Frage, warum es nicht gehalten hat.

 

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